|
||
|
Von Wählerurnen und Meinungsgräbern In Bonn kandidierte zum ersten Mal eine libertäre Hochschulgruppe Dass
eine Zwei-Mann-Partei bei einer demokratischen Wahl aus dem Stand fast
1% der Wählerstimmen holt, kann aus sportlicher Sicht durchaus als
Erfolg bezeichnet werden. Zu den Studentenparlamentswahlen in Bonn am
23.1.2004 traten ein erst drei Monate zuvor an den Rhein gezogener VWL-Student
sowie eine bereits neun Jahre zuvor examinierte Karteileiche an. Keine
guten Voraussetzungen also für die „Libertäre Liste Bonn“
(LiLiBo), die sich das Ziel gesetzt hatte, durch ihre Kandidatur radikal-liberale
Ideen in Studentenkreisen bekannt zu machen. Und was die Sache nicht leichter
machte, war der Umstand, dass das Programm der LiLiBo auf den ersten Blick
völlig inkompatibel mit studentischen Interessen zu sein schien.
Otto-Normal-Student ist natürlich interessiert an einer „öffentlich
finanzierten Bildung“, er will auch keine „unsozialen Studiengebühren“
bezahlen und er will „umsonst“ in Bonn und Umgebung Bahn und
Bus fahren dürfen. Doch eine kleine Minderheit der Bonner Studierenden sah offenbar ein, dass ein Studium, vor allem ein solches, bei dem „Bildung“ als Mittel zur Selbstverwirklichung gesehen wird, nicht kostenlos ist, sondern dass die Kosten für Lehrpersonal, Gebäudepflege und stark verminderte Kranken- und Rentenkassenbeiträge vor allem bei denen entstehen, die oder deren Kinder Nettoverlierer dieser staatlichen Umverteilungsmaßnahme sind, nämlich alle arbeitenden Nicht-Akademiker, vor allem also auch die Putzfrau und der Stahlarbeiter. Ein Prozent der Bonner Studis sah also ein, dass es „sozial gerechter“ ist, wenn jeder zunächst einmal selbst für seinen Bildungsaufwand aufzukommen versucht und nicht danach trachtet, seine Kosten auf dem Wege der demokratisch legitimierten Umverteilung immer schön sozial auf andere Menschen abzuwälzen, zumal nach allen Erfahrungen Produktivität und Wohlstand in einer Menschenpopulation nur durch Selbstverantwortung und Freiheit gedeihen, nicht aber durch einen ruinösen Kampf eines jeden gegen jeden um von Vater Staat gewährte Privilegien und Umverteilungsgewinne. Doch
einen solchen Hobbes’schen Kampf führen die etablierten Studentenpolitiker
von lechts bis rinks an den Unis, wenn auch nur im kleinen Maßstab
und daher mit nicht allzu verheerenden Folgen wie beim großen Vorbild.
Es geht um Pöstchen im AStA, in der so genannten „studentischen
Selbstverwaltung“, und um das Privileg, im Namen aller Studenten
allgemeinpolitische Aussagen machen zu dürfen. Da stört es noch
nicht einmal, wenn die Wahlbeteiligung, wie 2004 in Bonn, bei schlappen
16,5% liegt. Man fühlt sich nichtsdestotrotz legitimiert, Politik
für alle Studenten zu machen, etwa „fair gehandelten“
Kaffee aus Kuba zu vertreiben, Demos gegen „Bildungsabbau“
zu organisieren oder „antikapitalistische Veranstaltungen“
abzuhalten. Was ebenfalls interessant anmutet: Bei den diesjährigen Wahlen in Bonn wurden 6% der Wahlzettel (Vorjahr: 2%) von den Stimmenzählern, die in der Regel von den einzelnen Hochschulgruppen ausgewählt und rekrutiert werden, als Enthaltung gewertet. Einige unabhängige Wahlhelfer führen die Verdreifachung der Enthaltungen darauf zurück, dass bei der Auszählung die Video-Überwachung ausgefallen war. Und die Endergebnisse der einzelnen Urnen wurden erst zehn Tage nach der Wahl veröffentlicht, genau nach Ablauf der Einspruchsfrist. Doch es geht ja bei den Hochschulwahlen um nicht so viel, und daher hielt sich die Aufregung über das unkontrollierte Zählen und über etwaige vor-enthaltene Stimmen in Grenzen. Angesichts
der Hochschüler-Vorliebe für totalitär-kollektivistische
Parteien ist der akademische Acker, den Libertäre bestellen können,
also noch sehr groß. Doch die erste Saat ist aufgegangen, denn die
Kandidatur der LiLiBo in Bonn hat mit einem Schlag Tausende von Studenten
zum ersten Mal mit dem Begriff „libertär“ konfrontiert,
wie etwa die über 1500 Zugriffe pro Woche auf die Webseite der Bonner
(www.libertaere-liste.de) belegen. Und was zwei Leute im verschnarchten
Bonn geschafft haben, dürfte auch in anderen Uni-Städten drin
sein. Libertäre Zellen haben sich bereits in Bochum, Dortmund, Würzburg,
Berlin, Münster, Augsburg und Düsseldorf gebildet. Die Libertäre
Liste Bonn bietet sich als Koordinationszentrale für bundesweite
uni-libertäre Umtriebe an, was Ideen und Unterstützung im Wahlkampf
angeht. Kontakt: David Schah
|
||